Masterarbeit Michael Abegg: Wenn Geschichten die Tür zum Glauben öffnen

Was wir von C. S. Lewis über missionale Kommunikation lernen können

Von Michael Abegg

Ich bin freikirchlich aufgewachsen und kam schon früh über Narnia mit C. S. Lewis in Kontakt. Bald rückten jedoch seine apologetischen Schriften in den Vordergrund. Seit meiner Gymnasialzeit stehen zahlreiche seiner Bücher in meinem Regal.

Als ich für meine mündliche Maturitätsprüfung ein literarisches Werk auswählen sollte, entschied ich mich ohne Zögern für den einzigen gelisteten Roman von Lewis: Out of the Silent Planet, auf Deutsch Jenseits des schweigenden Sterns. Mich faszinierte, wie Lewis Intellekt, Imagination und Glauben miteinander verband. Er erklärte den christlichen Glauben nicht nur. Er schuf Welten, in denen Leserinnen und Leser etwas von seiner Bedeutung erleben konnten.

Jahre später begegnete mir diese Frage in meinem Theologiestudium neu: Warum kann eine Geschichte manchmal eine Tür öffnen, die einem Argument verschlossen bleibt? Und was lässt sich daraus für die Kommunikation des Evangeliums in einer postchristlichen Kultur lernen?

Wenn die Abwehr schon vor dem Gespräch beginnt

Lewis kannte den Widerstand gegen den Glauben aus eigener Erfahrung. Er war Atheist gewesen und beschrieb seine Hinwendung zu Gott keineswegs als geradlinigen, widerstandslosen Prozess. Er wusste: Menschen prüfen religiöse Aussagen nicht immer unvoreingenommen. Biografie, Kultur, Gefühle und eingeübte Denkweisen bestimmen mit, was wir überhaupt für erwägenswert halten.

Für diese innere Abwehr verwendete Lewis das Bild der wachsamen Drachen. Sie bewachen unser Weltbild und schlagen Alarm, sobald etwas den vertrauten Deutungsrahmen bedroht.

Dieses Bild ist bis heute anschlussfähig. Begriffe wie Sünde, Erlösung oder Bekehrung sind für viele Menschen belastet. Manche verbinden mit ihnen Druck, Verletzungen oder Machtmissbrauch. Die Abwehr beginnt dann, bevor die Aussage verstanden und geprüft wurde.

Das heisst nicht, dass rationale Argumente wirkungslos wären oder Menschen grundsätzlich nichts vom Evangelium hören wollten. Lewis selbst schrieb einige der einflussreichsten apologetischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Doch er erkannte eine Grenze:

Manche Argumente werden nicht abgelehnt, nachdem sie geprüft wurden. Sie werden abgewehrt, bevor sie überhaupt verständlich geworden sind.

Wie kann christliche Kommunikation in einer solchen Situation einen Raum öffnen, ohne Menschen zu überrumpeln? Lewis’ Antwort war nicht weniger Wahrheit, sondern ein anderer Zugang zu ihrer Bedeutung.


Imagination ist keine Alternative zur Wahrheit

Lewis unterschied sorgfältig zwischen Vernunft und Imagination. Die Vernunft hilft uns zu prüfen, ob etwas wahr ist. Die Imagination hilft uns zu erfassen, was etwas bedeutet.

Beides gehört zusammen. Eine Aussage kann logisch nachvollziehbar sein und dennoch innerlich leer bleiben. Ein Mensch kann eine Definition von Gnade kennen, ohne zu erahnen, warum Gnade schön ist. Er kann den Satz hören, dass das Böse nicht das letzte Wort behält, ohne sich eine Wirklichkeit vorstellen zu können, in der Hoffnung stärker ist als Angst.

Geschichten machen eine Aussage nicht wahr. Sie können aber eine Welt entstehen lassen, in der ihre Bedeutung Gestalt annimmt. Leserinnen und Leser können probeweise fragen:

Was wäre, wenn das Gute ursprünglicher wäre als das Böse? Was wäre, wenn Schuld nicht das letzte Wort hätte? Was wäre, wenn Vergebung keine Schwäche, sondern eine unerwartete Macht wäre? Was wäre, wenn unsere Sehnsucht nach Schönheit auf eine grössere Wirklichkeit verwiese?

Eine Geschichte verlangt nicht sofort Zustimmung. Sie lädt zunächst dazu ein, eine Möglichkeit mitzudenken und mitzuerleben.

Die Imagination entscheidet nicht, was wahr ist. Aber sie kann uns helfen zu verstehen, warum diese Wahrheit Bedeutung hat.

Damit werden Gefühl und Vernunft nicht zu Konkurrenten. Im besten Fall bereitet die Imagination einen Boden, auf dem eine Wahrheit überhaupt erkannt, bedacht und später auch kritisch geprüft werden kann.

Narnia ist keine verkleidete Predigt

Lewis verstand die Narnia-Chroniken nicht einfach als Allegorien, in denen jede Figur einen festgelegten theologischen Begriff vertritt. Für seine Erzählweise gebrauchte er den Begriff Supposal – ein Gedankenexperiment in erzählter Form.

Die Ausgangsfrage lautet nicht: Wie kann ich eine christliche Botschaft möglichst geschickt verpacken? Sie lautet eher: Was wäre, wenn es tatsächlich eine Welt wie Narnia gäbe und Christus beschlösse, in dieser Welt zu erscheinen? Welche Gestalt könnte er annehmen? Wie würde diese Welt auf ihn reagieren?

Aslan ist deshalb nicht bloss ein literarischer Code für Christus, den man entschlüsseln muss. Er ist innerhalb der erzählten Welt eine wirkliche Gestalt. Die Leserinnen und Leser sollen ihm begegnen, ihn fürchten, ihm misstrauen, sich nach ihm sehnen oder ihm vertrauen können.

Dieser Unterschied ist für missionale Kommunikation entscheidend. Sobald eine Geschichte nur noch als Verpackung für eine Botschaft dient, verliert sie ihre Kraft. Figuren werden zu theologischen Sprechpuppen. Konflikte existieren nur noch, damit am Ende die richtige Antwort verkündet werden kann. Leser spüren die Absicht und sehen nicht mehr eine lebendige Welt, sondern eine Predigt in Verkleidung.

Eine gute Geschichte darf offen sein. Sie braucht glaubwürdige Figuren, echte Konflikte und einen Ausgang, der aus der erzählten Welt heraus überzeugt. Gerade dadurch kann sie theologisch bedeutsam werden.

Wenn Wahrheit miterlebt wird

Lewis erklärt Gnade nicht nur. Er lässt uns Edmunds Verrat, seine Selbsttäuschung, seine Einsamkeit und seine unerwartete Vergebung miterleben.

Er definiert das Böse nicht nur abstrakt. In seinen Geschichten begegnet es als Macht, die nichts wirklich Eigenes hervorbringt, sondern das Gute verdreht, nachahmt und zerstört.

Er spricht nicht nur über Hoffnung. Er lässt den endlosen Winter Narnias aufbrechen. Eine erstarrte Welt wird wieder lebendig. Am Ende führt er seine Figuren aus einer sterbenden Welt weiter in ein Narnia, das wirklicher und schöner ist als alles, was sie bisher kannten.

Leserinnen und Leser beobachten diese Vorgänge nicht aus sicherer Entfernung. Sie begleiten Figuren, hoffen mit ihnen, erschrecken, urteilen und verändern manchmal im Laufe der Geschichte ihr Urteil. Die Erlebnisse der Figuren werden zu einem Spiegel, in dem wir etwas über uns selbst entdecken können.

Darin liegt das besondere Potenzial fiktionaler Literatur. Sie schafft einen geschützten Raum, in dem Menschen eine Wirklichkeitsdeutung zunächst probeweise bewohnen können. Sie müssen noch nicht sagen: «So ist die Welt.» Aber sie können sich fragen: «Was wäre, wenn die Welt tatsächlich so wäre?»

 

Mission beginnt häufig mit kleinen Bewegungen

Von christlicher Literatur wird schnell zu viel erwartet. Eine Geschichte führt selten unmittelbar zu einer Bekehrung oder einer vollständigen Veränderung des Weltbildes. Wer sie an einer solchen Wirkung misst, macht sie zum Werkzeug und wird der Freiheit der Leser nicht gerecht.

In meiner Arbeit spreche ich deshalb von Mikrobewegungen. Gemeint sind kleine innere Verschiebungen, die sich nicht immer sofort benennen lassen:

  • Eine bisher selbstverständliche Überzeugung bekommt einen Riss.
  • Eine verdrängte Sehnsucht wird neu wahrgenommen.
  • Vergebung erscheint plötzlich nicht schwach, sondern schön.
  • Eine rein materielle Deutung der Wirklichkeit wirkt nicht mehr alternativlos.
  • Die Frage nach Gott wird zumindest wieder denkbar.
  • Ein Mensch entdeckt eine Hoffnung, für die ihm bisher die Bilder fehlten.

Solche Bewegungen sind keine verkürzten Bekehrungen. Sie sind auch keine nachgewiesenen Automatismen. Ob und wie eine Geschichte wirkt, hängt von der Person, ihrer Lebensgeschichte, ihren Fragen und ihrer Beziehung zur erzählten Welt ab.

Doch kleine Bewegungen können einen Menschen darauf vorbereiten, einem persönlichen Zeugnis, einem theologischen Argument oder dem Evangelium selbst neu zu begegnen. Eine Erzählung öffnet vielleicht nur eine Frage. Aber manchmal ist genau diese neue Frage der Anfang eines längeren Weges.

Wir müssen Lewis nicht kopieren

Lewis’ Bücher entfalten heute nicht automatisch dieselbe Wirkung wie zu ihrer Entstehungszeit. Seine Perelandra-Trilogie setzt historische, mythologische und literarische Kenntnisse voraus, die vielen heutigen Leserinnen und Lesern fehlen.

Gleichzeitig bleiben viele seiner Themen aktuell: der Glaube an unbegrenzten Fortschritt, die Versuchung technischer Machbarkeit, die Verformung des Menschen durch Macht und die Frage, ob die sichtbare Welt die ganze Wirklichkeit ist.

Von Lewis zu lernen bedeutet deshalb nicht, einen neuen Aslan zu erfinden oder christliche Versionen erfolgreicher Fantasyromane zu produzieren. Es bedeutet, seine kommunikative Aufgabe neu wahrzunehmen:

Zeitlose Wahrheit muss in den Bildern, Konflikten und Sehnsüchten einer konkreten Zeit Gestalt gewinnen.

Heutige Geschichten könnten Fragen nach Identität, Einsamkeit, Zugehörigkeit, Kontrolle, künstlicher Intelligenz oder der Sehnsucht nach einem unverfügbaren Sinn aufnehmen. Entscheidend ist nicht, dass ein christlicher Begriff möglichst schnell erkennbar wird. Entscheidend ist, dass eine Erzählung die Lebenswelt ihrer Leser ernst nimmt und zugleich einen Horizont öffnet, der über sie hinausweist.

Das gilt nicht nur für Romane. Auch Predigten, Filme, Podcasts, Musik und persönliche Zeugnisse brauchen Bilder, in denen Menschen Bedeutung entdecken können. Wer das Evangelium kommuniziert, muss nicht nur fragen: Ist meine Aussage richtig? Er sollte auch fragen: Können Menschen sich vorstellen, was diese Wahrheit für ihr Leben bedeuten könnte?

Geschichten ersetzen weder Zeugnis noch Gemeinschaft

Lewis unterschied zwischen der Vorbereitung auf das Evangelium und dem Evangelium selbst. Geschichten können Sehnsucht wecken, festgefahrene Wahrnehmungen irritieren und christliche Hoffnung vorstellbar machen. Sie können jedoch weder die Begegnung mit Christus noch das glaubwürdige Zeugnis und die gelebte Gemeinschaft der Kirche ersetzen.

Imagination, Argument, Beziehung und gelebte Praxis gehören zusammen. Eine Geschichte kann eine Tür öffnen. Durch diese Tür gehen muss ein Mensch selbst. Und was er dahinter findet, darf nicht nur eine schöne Idee sein, sondern sollte ihm in Menschen begegnen, deren Leben etwas von der erzählten Gnade und Hoffnung sichtbar macht.

Wer Leserinnen und Leser ernst nimmt, manipuliert sie nicht und behandelt sie nicht als Zielgruppe, die mit der richtigen Technik überzeugt werden muss. Er schafft einen offenen Raum, stellt ehrliche Fragen und überlässt die Reaktion dem Gegenüber.

Theologie, die verständlich werden will

Während meines Studiums habe ich Literaturwissenschaft, Hermeneutik, Apologetik und Missiologie miteinander verbunden. Im Zentrum stand dabei eine praktische Frage: Wie können wir christliche Wahrheit in einer Kultur kommunizieren, die religiösen Wahrheitsansprüchen häufig misstraut?

Theologische Ausbildung fragt nicht nur, was wir glauben. Sie hilft uns auch zu verstehen, wie Menschen Bedeutung wahrnehmen und wie das Evangelium in ihrer Lebenswelt verständlich werden kann. Dazu brauchen wir gute Begriffe und sorgfältige Argumente. Aber wir brauchen ebenso Bilder, Geschichten und eine Sprache, in der Wahrheit nicht nur korrekt formuliert, sondern in ihrer Schönheit erkennbar wird.

C.S. Lewis hat mir gezeigt, dass Menschen nicht nur Erklärungen brauchen. Sie brauchen imaginative Räume, in denen Gnade nicht bloss definiert, sondern miterlebt wird, in denen Hoffnung eine Gestalt bekommt und eine andere Wirklichkeit zumindest vorstellbar wird.

Vielleicht besteht die missionale Kraft einer Geschichte deshalb nicht darin, dass sie alle Fragen beantwortet. Vielleicht beginnt sie dort, wo ein Mensch ein Buch schliesst und feststellt, dass sich in ihm eine neue Frage geöffnet hat.

Eine Geschichte ersetzt das Evangelium nicht. Aber sie kann eine Tür öffnen, durch die das Evangelium neu gehört werden kann.

Zur Abschlussarbeit

Dieser Artikel basiert auf der Masterarbeit «Mission auf dem schweigenden Stern. Eine literarische Untersuchung zum missionalen Ertrag von C. S. Lewis’ Perelandra-Trilogie und Narnia-Chroniken für das 21. Jahrhundert» von Michael Abegg, Master of Advanced Studies in Theologie, IGW, Mai 2026. Die Arbeit untersucht Lewis’ evangelistische Gedanken und narrative Strategien und entwickelt daraus kontextabhängige Prinzipien für missionale Fiktion im postchristlichen Europa.

Die TSC-IGW Academy ist das gemeinsame Weiterbildungsprogramm von TSC und IGW für Menschen in Gemeinde, Gesellschaft und Beruf – mit praxisorientierten Kursen für geistliches Wachstum, persönliche Reife und Führungskompetenz.