Um Jesus ähnlich zu werden, brauchen wir eine funktionierende Theorie der Veränderung – etwas, das … nun ja, eben funktioniert. In seinen über zwanzig Jahren als Pastor ist John Mark Comer immer wieder auf drei Strategien gestossen, die nicht funktionieren. Ein Ausschnitt aus dem Buch «Leben vom Meister lernen».

Verliererstrategie #1: Willenskraft

Das Problem mit der Willenskraft ist nicht, dass sie grundsätzlich schlecht wäre – das ist sie nicht, sie funktioniert nur nicht besonders gut. Wir alle kennen die Statistik: 80 Prozent der Neujahrsvorsätze sind Ende Januar bereits gescheitert.112 Das liegt daran, dass Willenskraft eine Ressource ist, die sich schnell erschöpft. Wir haben jeden Tag nur ein begrenztes Mass davon zur Verfügung. Meine ist normalerweise schon am Mittag aufgebraucht. Sie ist wie ein Muskel. Er ermüdet nicht nur, wenn er überstrapaziert wird, sondern ist selbst im besten Zustand selten stark genug für richtig schwere Aufgaben.

Kleine Veränderungen, beispielsweise morgens einen Psalm zu lesen oder weniger zu fluchen, liegen normalerweise im Bereich der Willenskraft. In dir selbst und in deinem gesamten Umfeld gibt es jedoch starke Kräfte, die deine Willenskraft in rasantem Tempo verschlingen: tief verwurzelte Gewohnheiten der Sünde, die aus deiner Familiengeschichte stammen, automatische Reaktionen deines Körpers und jede Form von Trauma, Sucht oder Angst.

Das Geniale an der ethischen Lehre von Jesus ist, dass er sagt: Du kannst das Gesetz nicht halten, indem du versuchst, das Gesetz nicht zu brechen. Du kannst nicht liebevoller werden, indem du versuchst, liebevoller zu sein, egal, wie viel Mühe du dir gibst. Du musst im Inneren deiner Person verändert werden, in dem, was Jesus »das Herz« nennt.

Das heisst nicht, dass wir die Rolle der eigenen Anstrengung negieren: Eigenes Bemühen ist ein Schlüssel zur geistlichen Formung und zu geistlichem Wachstum. Es gibt eine synergetische Beziehung zwischen unserem Geist und Gottes Geist, zwischen unserer Willenskraft und seiner Kraft.

Unser eigenes Bemühen und Gottes Gnade sind Partner, keine Konkurrenten.

Aber die Hauptfunktion des eigenen Bemühens in unserer Formung ist es, das zu tun, was wir tun können – Raum zu schaffen, um uns Gott auszusetzen, und zwar durch die Praktiken, die Jesus uns vorgelebt hat –, damit Gott tun kann, was wir nicht tun können: uns heilen, uns befreien und uns in Menschen der Liebe verwandeln. Leslie Jamison formuliert in ihren Memoiren über die Überwindung ihrer Sucht: «Ich musste an etwas glauben, das stärker war als meine Willenskraft.»113

Willenskraft ist wichtig, aber sie ist nicht die Lösung.

Verliererstrategie #2: Mehr Bibel lesen

Viele Gemeinden gehen davon aus, dass mit zunehmender Bibelkenntnis auch die Reife eines Menschen zunimmt. Ich habe mein ganzes Leben im Umfeld von Gemeinden verbracht, in der die Bibel einen hohen Stellenwert einnimmt. Protestanten betonen – zu Recht, wie ich finde – die prägende Kraft der Bibel, um uns nach dem Vorbild von Jesus zu formen. «Die ganze Schrift ist von Gottes Geist eingegeben und kann uns lehren …» (2. Timotheus 3,16). Jesus selbst war ein Rabbi. Seine Lehre war bis ins kleinste Detail von der Heiligen Schrift durchdrungen. Aber wir Protestanten lassen uns leicht von anderen westlichen Grundannahmen blenden, zum Beispiel von René Descartes’ berühmter These: «Ich denke, also bin ich.» Wir können leicht in eine völlig unbiblische Sichtweise der menschlichen Seele als einer Art »Hirn auf zwei Beinen« verfallen. Wie Thomas Edison einmal behauptete: «Die Hauptfunktion des Körpers ist es, das Gehirn herumzutragen.»

Aber der Philosoph James K. A. Smith hat es treffend ausgedrückt: «Wir können unseren Weg zur Christusähnlichkeit nicht erdenken.»114 Denn, noch einmal: Den Weg von Jesus zu praktizieren gleicht weniger dem Verständnis der Quantenphysik als vielmehr dem Erlernen von Aikido. Es ist etwas, das wir mit unserem ganzen Körper tun.

Liebe ist keine intellektuelle Theorie, sie ist eine verleiblichte Weise zu sein.

Das ist der Grund, warum Information allein keine Veränderung bewirkt. Denn etwas zu wissen, ist nicht dasselbe, wie etwas zu tun. Und das wiederum ist nicht dasselbe, wie zu einem Menschen zu werden, der etwas ganz natürlich als Nebeneffekt eines veränderten inneren Wesens tut.

Ein Beispiel: Ich habe immer wieder mit Ängsten zu kämpfen – vielleicht kennst du das auch –, obwohl ich weiß, dass Jesus uns immer wieder anweist, uns nicht zu fürchten. Mein Problem ist weder ein Mangel an Information noch ein Mangel an Inspiration. Ich glaube, wir wünschen uns alle, frei zu sein von Angst. Die Frage ist, wie wir das, was wir bereits wissen und uns zutiefst wünschen, in unser zentrales Nervensystem bekommen und wie wir angstbestimmte Gewohnheiten überwinden können, die in der Neurobiologie unseres Körpers verankert sind.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Grosszügigkeit. Wenn wir jeden einzelnen Christen auf der Welt fragen würden: «Möchte Gott, dass du grosszügig bist?», würden vermutlich 100 Prozent mit Ja antworten. Warum sind viele von uns Christen dann trotzdem nicht grosszügig? Es liegt nicht daran, dass wir die richtige Antwort nicht kennen würden. Das Problem ist, dass alles, was Jesus über Geld und Grosszügigkeit gesagt hat, noch nicht ins Innerste unseres Wesens vorgedrungen ist.

Ich will damit sagen: Gottesdienstbesuch, gute Predigten und regelmässiges Bibelstudium sind allesamt gut und richtig – mehr als das, sie sind lebenswichtig. Aber wir müssen ehrlich zugeben: Für sich genommen bewirken sie nicht gerade massenhaft nachhaltige Veränderung in uns Christen.

Verliererstrategie #3: Download von oben

Ich nenne sie die «Matrix-Theorie geistlichen Wachstums». Erinnerst du dich an die Szene in dem Film Matrix, in der Neo und Trinity auf dem Dach festsitzen? Sie müssen fliehen, und es gibt auch einen Hubschrauber. Der Haken ist nur: Keiner von beiden kann ihn fliegen. Null Problemo in der Matrix. Trinity ruft Tank an: «Ich brauche ein Pilotenprogramm für einen B-21-2-Hubschrauber – schnell!» Du siehst, wie ihre Augen flattern, und dann, zack, kann sie den Hubschrauber fliegen und die beiden können entkommen. Ungefähr so stellen sich viele Menschen geistliches Wachstum und die geistliche Prägung ihrer Person vor: Sie warten auf einen Download von oben, der sie von einem Augenblick auf den anderen radikal verändert.

Im besten Fall spricht das für eine hohe Meinung von der Kraft des Heiligen Geistes – und das ganz zu Recht. Gottes Geist kann uns durch die Begegnung mit ihm tief greifend verändern. Er kann Festlegungen in unserem Leben brechen, unsere Erinnerungen heilen, unser Nervensystem neu programmieren und unseren Körper berühren. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass jede Theorie der Veränderung, die nicht auch die Notwendigkeit von Momenten des Durchbruchs berücksichtigt, nur begrenzte Ergebnisse bringen wird.

Aber im schlimmsten Fall ist diese Haltung nichts anderes als pure Faulheit. Denn es ist viel einfacher, einmal in der Woche in die Kirche zu gehen, um ein geistliches Hochgefühl zu erleben und auf einen Download vom Himmel zu hoffen, als sich auf die tägliche, wenig glamouröse Arbeit einzulassen, bei Jesus in die Lehre zu gehen. Diese Herangehensweise ist nur ein weiterer Versuch einer schnellen Lösung, einer Abkürzung, die der Psychologe John Welwood «spirituelles Bypassing» bezeichnete – der Versuch, unseren Schmerz zu übergehen und uns einfach von Jesus «reparieren» zu lassen. So entstehen Menschen, die regelrecht süchtig nach christlichen Grossveranstaltungen sind. Geistliche Junkies auf der Suche nach dem nächsten spirituellen Highlight. Oder Menschen, die Dauergast in der Kirche sind, sich aber weigern, sich dort wirklich prägen und somit verändern zu lassen.

Ja, Jesus geht es darum, Seelen zu heilen. Das ist sein Metier. Aber während es in den vier Evangelien Dutzende von Geschichten gibt, in denen Jesus den Körper eines Menschen sofort heilt – und danach übrigens häufig Anweisungen gibt, etwas zu tun und etwas anderes zukünftig zu lassen –, scheint er mit dem Charakter von Menschen nicht auf die gleiche Weise zu verfahren. Wir finden keinen einzigen Fall, in dem Jesus einfach mit der Hand winkt, um eine hässliche Angewohnheit oder einen Charakterzug bei einem seiner Lehrlinge zu beseitigen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir sehen, wie ihre hartnäckige unheilige Wesensart noch Jahre fortbesteht. Jesus hat sie nicht einfach kurz weggeschnippt, sondern seine Schüler weiter unterwiesen, getadelt und geliebt. Er hat seinen Lehrlingen Zeit gegeben, um zu wachsen und zu reifen.

Wunder, emotionale Durchbrüche und echte Momente radikaler Veränderung passieren und müssen passieren, aber sie machen nicht den täglichen Weg der Nachfolge aus. Wie Wachstumsschübe bei einem Kind oder Jugendlichen sind sie ein wesentlicher Teil unserer Persönlichkeitsentwicklung, aber zum größten Teil vollzieht sich unser Wachstum als langsame, schrittweise, aber spürbare Reifung zum Erwachsensein. Ein Blitz vom Himmel scheint nicht die Lösung zu sein.

Fazit

Es ist mir ein grosses Anliegen, noch einmal zu betonen, dass alle drei Verliererstrategien etwas Wichtiges betonen: die zentrale Rolle unseres Willens, die Schlüsselrolle der Bibel und unser Bedürfnis nach Begegnung mit Gottes Kraft. Doch für sich allein genommen scheinen sie nicht so gut zu funktionieren, wie wir oft meinen …

Dieser Blogbeitrag ist ein Ausschnitt aus dem Buch «Leben vom Meister lernen» von John Mark Comer (S.109-115, R.Brockhaus). Original erschienen als «Practicing the Way» (Random House LLC US).

Quellen

  • 112 Lisa Bodell, New Year’s Resolutions Fail. Do This Instead, in: Forbes (19. Dezember 2022), www.forbes.com/sites/lisabodell/2022/12/19/new-years-resolutions-fail-do-this-instead/?sh=1b5c2cc57c8b (zuletzt aufgerufen am 20. 12. 2023).
  • 113 Vgl. Leslie Jamison, Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichte der Genesung (Berlin: Hanser Berlin, 2018).
  • 114 So habe ich es von ihm in einem informellen kleinen Vortrag gehört. Etwas Ähnliches sagt er in dieser Quelle: James K. A. Smith, You Are What You Love: the Spiritual Power of Habit (Grand Rapids, MI: Brazos, 2016), 5. »Wir können unseren Weg zur Heiligkeit nicht erdenken.«

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Leben vom Meister lernen
John Mark Comer

Wem folgst du? Unter den unzähligen Möglichkeiten, die du wählen kannst – ist Jesus, der Rabbi aus Nazaret, der, dem du folgen willst? Jesus hat nicht Christen hervorgebracht, keine Kirche gegründet, wohl aber eine verbindliche und intime Gemeinschaft geformt. Er hat einen völlig neuen Lebensstil vorgelebt. Wenn du ihm folgst, heisst das, das Leben von ihm zu lernen, indem du bei ihm bist. Das war damals so. Das ist heute so.



John Mark Comer

John Mark Comer ist der Gründerpastor der «Bridgetown Church» in Portland. Er hat einen MA in biblischer Theologie. Er startet gerade eine gemeinnützige Organisation «Practice the Way», mit dem Ziel, Ressourcen für Jüngerschaft und Ausbildung in Ortsgemeinden zu schaffen. Er ist Buchautor von mehreren Büchern und ist ein begeisterter Zuhörer. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er in Portland, Oregon.

Die TSC-IGW Academy ist das gemeinsame Weiterbildungsprogramm von TSC und IGW für Menschen in Gemeinde, Gesellschaft und Beruf – mit praxisorientierten Kursen für geistliches Wachstum, persönliche Reife und Führungskompetenz.