Friedemann Burkhardts „Zusammen leben in Gottes Haus“ im Praxistest
Eine Gemeinde kann international zusammengesetzt sein und trotzdem von einer einzigen Kultur geprägt werden. Friedemann Burkhardt erzählt von einem Abendmahlsgottesdienst, an dem Menschen aus unterschiedlichen Ländern und sozialen Lebenswelten teilnahmen. Vorne standen jedoch ausschließlich Angehörige der deutschen bürgerlichen Mittelschicht. Die Vielfalt der Gemeinde war im Raum anwesend, aber in ihrer sichtbaren Repräsentation kaum erkennbar.
Erst der Hinweis einer Frau aus der Gemeinde ließ den leitenden Pastor den Widerspruch erkennen. Noch am selben Abend entwarf er ein neues Abendmahlsteam. Darin sollten sich nicht nur verschiedene Nationalitäten spiegeln, sondern auch unterschiedliche Generationen, soziale Milieus, Bildungswege und Lebensstile. Die Veränderung war klein genug, um sofort umgesetzt zu werden, und tiefgreifend genug, um die Machtverhältnisse der Gemeinde sichtbar zu berühren.
Diese Szene führt mitten in die Leitfrage von Zusammen leben in Gottes Haus. Ist eine Gemeinde bereits interkulturell, wenn unterschiedliche Menschen ihre Veranstaltungen besuchen? Oder beginnt Interkulturalität erst dort, wo sie das gemeinsame Leben gleichberechtigt mitgestalten? Burkhardts Antwort ist klar. Vielfalt zeigt sich nicht allein darin, wer anwesend ist. Sie zeigt sich darin, wessen Stimme gehört wird, wer Verantwortung trägt und wer die Kultur der Gemeinde verändern darf.
Nebeneinander ist noch kein Miteinander
Burkhardt unterscheidet sorgfältig zwischen einem multikulturellen Nebeneinander und einem interkulturellen Miteinander. Menschen verschiedener Herkunft können dasselbe Gebäude nutzen, denselben Gottesdienst besuchen und dennoch in weitgehend getrennten sozialen Welten leben. Auch eine Gemeinde mit internationaler Zusammensetzung kann ihre vertrauten Erwartungen an Musik, Sprache, Leitung und Gemeinschaft unverändert beibehalten.
Interkulturalität meint deshalb mehr als Gastfreundschaft gegenüber Menschen, die neu hinzukommen. Sie beschreibt einen Prozess, in dem unterschiedliche Prägungen einander begegnen und gemeinsam etwas Neues hervorbringen. Niemand bleibt dabei völlig unverändert. Die bisherige Mehrheit kann nicht allein bestimmen, was als normal gilt, während alle anderen lernen müssen, sich einzufügen.
Diese Unterscheidung gehört zu den stärksten Einsichten des Buches. Sie schützt vor einer allzu schnellen Selbstzufriedenheit. Eine Gemeinde kann sich offen und vielfältig nennen, obwohl ihre Entscheidungen, ihre sichtbaren Rollen und ihre unausgesprochenen Regeln weiterhin von einer einzigen Gruppe geprägt werden.
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage. Nicht nur, ob Menschen willkommen sind, ist wichtig. Ebenso wichtig ist, ob sie auf Dauer Gäste bleiben oder selbst mitgestalten. Wer predigt? Wer leitet? Wer entscheidet über Geld und Räume? Welche Musik, welche Sprache und welche Formen von Frömmigkeit gelten als selbstverständlich? An solchen Fragen wird sichtbar, wie weit die erklärte Offenheit tatsächlich reicht.
Vielfalt ist mehr als Herkunft
Burkhardt verengt Kultur nicht auf Nationalität oder ethnische Herkunft. Menschen gehören gleichzeitig zu mehreren sozialen Welten. Bildung, Beruf, Alter, Sprache, soziale Stellung, Frömmigkeitsstil, Lebensgeschichte und persönliche Beziehungen prägen, wo sie sich zugehörig fühlen. Zwei Menschen aus demselben Land können sich kulturell ferner sein als zwei Menschen mit unterschiedlicher Herkunft.
Diese differenzierte Wahrnehmung ist für die Gemeindepraxis bedeutsam. Wer Menschen vorschnell nach Herkunft oder Sprache einordnet, übersieht ihre tatsächlichen Lebenswelten. Gut gemeinte Angebote können dann genau jene Grenzen festigen, die sie überwinden möchten. Eine eigene Gruppe für eine bestimmte Nationalität kann hilfreich sein. Sie darf aber nicht zur unausgesprochenen Erwartung werden, dass Menschen dort und nicht im gemeinsamen Zentrum der Gemeinde ihren Platz finden.
Burkhardts Blick auf mehrere, sich überschneidende Zugehörigkeiten bewahrt die Diskussion vor einfachen Schablonen. Interkulturelle Gemeindeentwicklung bedeutet nicht, einige sichtbare Elemente aus verschiedenen Ländern in einen ansonsten unveränderten Gottesdienst einzubauen. Sie verlangt die aufmerksamere Frage: Welche Menschen leben tatsächlich in und um unsere Gemeinde, welche Erfahrungen bringen sie mit und welche Gestalt des gemeinsamen Lebens kann daraus entstehen?
Wenn sich nicht nur die Gäste verändern
Das Buch wird besonders herausfordernd, wenn es die bisherige Mehrheit in den Blick nimmt. Integration wird häufig so verstanden, dass neu hinzukommende Menschen Zugang zu einer bestehenden Gemeinschaft erhalten. Ihre Aufgabe besteht dann vor allem darin, Sprache, Umgangsformen und Erwartungen dieser Gemeinschaft zu lernen. Die Gemeinde selbst bleibt im Wesentlichen, wie sie ist.
Burkhardt beschreibt Interkulturalität anders. Eine neue gemeinsame Kultur entsteht nur, wenn alle Beteiligten bereit sind, sich verändern zu lassen. Dazu gehört, eigene Prägungen als Prägungen zu erkennen und nicht mit dem Evangelium selbst zu verwechseln. Dazu gehört auch, Deutungshoheit abzugeben und Unterschiede nicht nur zu dulden, sondern in Entscheidungen wirksam werden zu lassen.
Damit berührt Interkulturalität unweigerlich die Frage nach Macht. Sichtbarkeit und Beteiligung sind nicht bloß freundliche Gesten. Wenn andere Menschen predigen, Gottesdienste prägen, Ressourcen verteilen oder Leitungsverantwortung übernehmen, verändert sich der Einfluss derjenigen, die diese Aufgaben bisher selbstverständlich ausgeübt haben. Im Beispiel des Abendmahlsteams reagieren deshalb nicht alle begeistert. Einige spüren, dass ihre privilegierte Stellung geschmälert wird.
Gerade an diesem Punkt bleibt Burkhardts Ansatz realistisch. Vielfalt ist nicht nur bunt und bereichernd. Sie erzeugt Spannungen, verlangt Aushandlung und kann vertraute Sicherheiten infrage stellen. Eine Gemeinde wird nicht dadurch interkulturell, dass sie Konflikte vermeidet. Sie wird es, indem sie lernt, Unterschiede wahrhaftig und gleichberechtigt zu bearbeiten.
Gemeindeentwicklung beginnt mit Glaubensentwicklung
Burkhardt setzt nicht zuerst bei neuen Strukturen oder Veranstaltungsformaten an. Am Anfang seiner sieben Prinzipien stehen Leitungspersonen, die sensibel für Ausgrenzung sind, die eigene Perspektive reflektieren und Menschen am Rand wahrnehmen. Seine prägnante Formel lautet „Gemeindeentwicklung durch Glaubensentwicklung“.
Dahinter steht eine geistliche Überzeugung. Nachhaltige Veränderung entsteht nicht allein durch einen besseren Organisationsplan. Sie braucht Menschen, deren Wahrnehmung, Werte und Handlungen vom Evangelium erneuert werden. Leitungspersonen müssen lernen, die eigene kulturelle Position zu erkennen, Erfahrungen von Fremdheit ernst zu nehmen und sich von Begegnungen korrigieren zu lassen.
Als theologisches Zentrum benennt Burkhardt die Fremdenliebe. Sie ist für ihn keine freundliche Ergänzung zum eigentlichen Auftrag der Gemeinde, sondern eine konkrete Gestalt der Nächstenliebe. Sie zeigt sich in Gastfreundschaft, in der Wahrnehmung von Not, in sozialem Handeln und in einer Gemeinschaft, die Zugehörigkeit nicht von kultureller Ähnlichkeit abhängig macht.
Diese Verbindung von geistlicher Reife und struktureller Veränderung ist überzeugend. Sie verhindert, dass Interkulturalität zu einer reinen Strategie der Mitgliedergewinnung wird. Menschen werden nicht deshalb beteiligt, weil Vielfalt modern wirkt oder neue Zielgruppen erschließt. Sie werden beteiligt, weil die christliche Gemeinschaft sie als Schwestern und Brüder erkennt, deren Gaben zum gemeinsamen Leib gehören.
Eine Vision zeigt sich in Entscheidungen
Gute Absichten allein verändern jedoch noch keine Gemeindekultur. Deshalb rückt Burkhardt die Visionsarbeit ins Zentrum seines Modells. Eine gemeinsam getragene Vision hilft einer Gemeinde zu benennen, wer sie sein möchte, welche Werte ihr Handeln bestimmen und welche Form des Miteinanders sie anstrebt.
Entscheidend ist, dass eine solche Vision praktisch wirksam wird. Sie muss beeinflussen, wer Verantwortung erhält, wie Gottesdienste gestaltet werden, welche Sprache verwendet wird und wofür Zeit, Geld und Räume eingesetzt werden. Eine Gemeinde kann Vielfalt in ihrem Leitbild feiern und sie zugleich im Budget, in der Personalplanung und in ihren Entscheidungswegen übergehen.
Das Beispiel des Abendmahlsteams zeigt, was Burkhardt unter strategieorientiertem Handeln versteht. Der Pastor begnügt sich nicht mit einer neuen Einsicht. Er übersetzt sie in eine sichtbare Entscheidung, bespricht diese mit dem Leitungsgremium und verändert eine wiederkehrende Praxis. Die Vision wird dadurch nicht nur erklärt. Sie wird im Gottesdienst verkörpert.
Hier liegt eine weitere Stärke des Buches. Es verbindet theologische Überzeugungen mit konkreter Leitungspraxis. Fremdenliebe bleibt kein allgemeines Bekenntnis. Sie wird überprüfbar. Wer wird gehört? Wer ist vorne sichtbar? Wer darf leiten? Welche Bedürfnisse erhalten Ressourcen? Solche Fragen können unbequem sein, aber gerade deshalb helfen sie einer Gemeinde, ihre Selbsteinschätzung an ihrer tatsächlichen Praxis zu messen.
Sieben Prinzipien und ein anspruchsvolles Modell
Burkhardt entwickelt seine Praxistheorie aus empirischer Forschung, biblischer Reflexion und der Auseinandersetzung mit praktisch theologischen sowie organisationsbezogenen Ansätzen. Sieben Prinzipien beschreiben, wie sensible Leitungspersonen, Fremdenliebe, ein weltchristlicher Horizont, Visionsarbeit und strategische Entscheidungen zusammenwirken können.
Das Modell hat eine klare innere Logik. Es beginnt bei den Menschen, führt über ihre Werte und ihr Denken zum gemeinsamen Handeln und fragt schließlich nach den Wirkungen, die daraus entstehen. Gemeindeentwicklung ist damit weder nur ein geistlicher Vorgang noch nur eine organisatorische Aufgabe. Vielmehr kommen hier persönliche Reifung, theologische Orientierung und verbindliche Entscheidungen zusammen.
Besonders wertvoll ist der weltchristliche Horizont. Christliche Gemeinden in Europa sind nicht das selbstverständliche Zentrum der Kirche. Sie sind Teil eines polyzentrischen Weltchristentums, in dem theologische Einsichten, geistliche Erfahrungen und Formen des Gemeindelebens aus vielen kulturellen Räumen entstehen. Interkulturalität verlangt deshalb mehr als die Aufnahme anderer Menschen in europäische Denkformen. Sie braucht die Bereitschaft, von ihnen theologisch und geistlich zu lernen.
Zugleich verlangt das Buch seinen Leserinnen und Lesern einiges ab. Die Vielzahl an Modellen, Definitionen, Schaubildern und eigenen Fachbegriffen schafft Präzision, erhöht aber auch die begriffliche Dichte. Wer eine kurze Sammlung unmittelbar umsetzbarer Ideen erwartet, wird sich gedulden müssen. Zusammen leben in Gottes Haus ist ein fundiertes Lehrbuch, kein leichtes Praxisheft.
Wie weit tragen die empirischen Ergebnisse?
Burkhardts Theorie ist forschungsbasiert. Ihr Kern entstand aus einer qualitativen Untersuchung von vier protestantischen Gemeinden und wird durch weitere Studien ergänzt. Diese Verbindung mit beobachteter Gemeindepraxis gibt dem Buch Bodenhaftung. Es argumentiert nicht nur aus gewünschten Idealen, sondern fragt danach, welche Muster sich in realen Entwicklungsprozessen erkennen lassen.
Trotzdem ist bei der Verallgemeinerung Vorsicht geboten. Qualitative Forschung kann Zusammenhänge sichtbar machen und gut begründete Theorien entwickeln. Sie beweist jedoch nicht, dass die beobachteten Faktoren in jeder Gemeinde gleich wirken. Wenn interkulturelle Offenheit, eine bestimmte Leitungskultur und eine überdurchschnittliche Gottesdienstteilnahme gemeinsam auftreten, ist damit noch nicht in jedem Fall geklärt, was Ursache und was Wirkung ist.
Das mindert den Wert der Forschung nicht. Es bestimmt aber, wie die Ergebnisse gebraucht werden sollten. Die sieben Prinzipien sind keine geistlichen Naturgesetze und kein garantiertes Wachstumsrezept. Sie sind eine anspruchsvolle Orientierung, mit der Gemeinden ihre eigene Situation untersuchen, Hypothesen prüfen und verantwortet nächste Schritte entwickeln können.
Wenn Gemeindeleben zur Steuerungsaufgabe wird
Eine zweite Rückfrage betrifft die Sprache des Buches. Burkhardt greift zahlreiche Begriffe und Modelle aus Management und Organisationsentwicklung auf. Er spricht unter anderem von einem Master Control System, von strategischen Entscheidungen, Ressourcenmanagement, Kundennutzen und einem Schwungradeffekt.
Diese Sprache kann Leitungspersonen helfen. Sie zwingt dazu, Ziele, Prozesse und Wirkungen klar zu benennen. Gemeinden bestehen nicht nur aus guten Absichten. Sie verfügen über Geld, Personal, Räume und Einfluss. Wer den Umgang mit diesen Ressourcen nicht bewusst gestaltet, überlässt ihre Verteilung meist den bestehenden Gewohnheiten und damit häufig den bereits einflussreichen Gruppen.
Dennoch entsteht eine Spannung. Einige Aussagen im Buch, das Gemeinde als lebendige, relationale und gleichberechtigte Gemeinschaft beschreibt, klingen stellenweise stark nach Steuerung und Kontrolle. Menschen können dadurch erneut als Faktoren eines Entwicklungsprozesses erscheinen. Auch der Begriff Kundennutzen bleibt im kirchlichen Zusammenhang erklärungsbedürftig, selbst wenn er dazu dienen soll, die Aufmerksamkeit auf Menschen außerhalb der Organisation zu richten.
Burkhardt reduziert Gemeinde nicht auf ein Unternehmen. Seine theologische Grundierung ist dafür zu deutlich. Trotzdem wäre an einigen Stellen eine sparsamere Managementsprache hilfreich gewesen. Sie hätte den relationalen Charakter seines Gemeindebildes klarer hervortreten lassen und den Zugang für Leserinnen und Leser erleichtert, denen solche Modelle weniger vertraut sind.
Wo biblische Bilder sehr viel tragen
Das Buch sucht für seine empirischen Beobachtungen sorgfältig nach biblischen Resonanzen. Dadurch werden Organisationsfragen nicht von der theologischen Identität der Gemeinde getrennt. Besonders überzeugend ist dies dort, wo Burkhardt die Einheit in Christus, die Überwindung sozialer Grenzen und die Bedeutung gemeinsamer Mahlgemeinschaft entfaltet.
An einzelnen Stellen werden biblische Texte jedoch sehr direkt mit modernen Modellen verbunden. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird etwa nicht nur als Grundtext der Nächstenliebe gelesen, sondern auch mit einem Phasenmodell der Gemeindeentwicklung in Beziehung gesetzt. Das ist anregend, kann aber den Eindruck erwecken, dass ein bereits entwickeltes Organisationsmodell nachträglich im Bibeltext wiedergefunden wird.
Eine klarere Unterscheidung zwischen theologischer Orientierung und organisatorischer Anwendung hätte hier geholfen. Die Bibel liefert keine fertige Theorie moderner Gemeindeentwicklung. Sie prägt vielmehr die Wahrnehmung, die Werte und die Ziele, an denen solche Theorien geprüft werden müssen.
Wann hört ein Mensch auf, fremd zu sein?
Auch Burkhardts Leitbegriff Fremdenliebe bleibt spannungsvoll. Seine Stärke liegt auf der Hand. In einer Zeit, in der Fremdenfeindlichkeit reale Beziehungen und gesellschaftliche Debatten prägt, benennt er eine klare christliche Gegenbewegung. Fremdenliebe weitet die Nächstenliebe über vertraute Zugehörigkeiten hinaus und richtet die Aufmerksamkeit auf Menschen, die leicht übersehen oder ausgeschlossen werden.
Burkhardt kennt jedoch den Einwand, dass dieser Begriff Menschen auch erneut zu Fremden machen kann. Wer seit vielen Jahren in einem Land lebt oder dort geboren wurde, möchte nicht dauerhaft über eine vermeintliche Andersartigkeit beschrieben werden. Das Buch entscheidet sich dennoch für den Begriff, weil seine ethische Klarheit nach Burkhardts Urteil schwerer wiegt als dieses Risiko.
Die Begründung ist nachvollziehbar, beendet die Frage aber nicht. Gemeinden sollten aufmerksam dafür bleiben, wie Menschen selbst ihre Zugehörigkeit verstehen. Fremdenliebe darf nicht dazu führen, dass eine Mehrheit dauerhaft festlegt, wer als einheimisch und wer als fremd gilt. Das Ziel interkultureller Gemeinschaft besteht gerade darin, dass aus dem Gegenüber von uns und ihnen ein neues gemeinsames Wir entsteht.
Für wen sich das Buch lohnt
Zusammen leben in Gottes Haus richtet sich besonders an Pastorinnen und Pastoren, Gemeindeleitungen, Studierende sowie Gemeindeberater und Gemeindeberaterinnen. Es eignet sich für Menschen, die Vielfalt nicht nur theologisch bejahen, sondern Kultur, Leitung und Ressourcen ihrer Gemeinde ehrlich untersuchen möchten.
Das Buch sollte nicht mit dem Anspruch gelesen werden, jedes Modell unverändert auf die eigene Gemeinde zu übertragen. Größere Dienste leistet es als Denkwerkzeug. Es hilft, verborgene Selbstverständlichkeiten wahrzunehmen, den Unterschied zwischen Anwesenheit und Beteiligung zu erkennen und aus einer theologischen Vision konkrete Entscheidungen abzuleiten.
Für Leitungsteams kann es sinnvoll sein, nicht alle sieben Prinzipien auf einmal zu bearbeiten. Schon wenige Fragen können einen produktiven Prozess eröffnen. Welche Menschen sind bei uns anwesend, aber kaum sichtbar? Wessen Perspektiven fehlen in Entscheidungen? Welche kulturellen Gewohnheiten halten wir irrtümlich für geistlich notwendig? Und woran wäre in einem Jahr erkennbar, dass ein gemeinsames Wir gewachsen ist?
Vielfalt beginnt dort, wo sich das gemeinsame Wir verändert
Ist eine vielfältige Gemeinde also schon interkulturell? Burkhardts Buch beantwortet diese Frage überzeugend mit Nein. Unterschiedliche Menschen im selben Raum sind ein wichtiger Anfang, aber noch kein Beweis für gleichberechtigte Gemeinschaft. Interkulturalität beginnt dort, wo ihre Stimmen, Erfahrungen und Gaben das gemeinsame Leben tatsächlich prägen.
Die besondere Leistung von Zusammen leben in Gottes Haus liegt darin, diesen Anspruch nicht bei einer allgemeinen Wertschätzung von Vielfalt stehen zu lassen. Burkhardt verbindet geistliche Reife, Fremdenliebe, weltchristliche Perspektiven, Visionsarbeit und strategisches Handeln miteinander. Er zeigt, dass eine neue Gemeindekultur nicht durch symbolische Gesten allein entsteht. Sie braucht Menschen, die sich verändern lassen, und Entscheidungen, die Macht, Sichtbarkeit und Ressourcen neu ordnen.
Die Ergebnisse seiner empirischen Forschungen sollten nicht als allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten gelesen werden. Die Managementsprache erzeugt stellenweise Distanz, und manche biblische Verbindung bleibt diskutierbar. Diese Grenzen ändern jedoch nichts am gewichtigen Beitrag dieses Buches zu einem fruchtbaren Umgang mit der zentralen Herausforderung.
Eine Gemeinde kann viele Kulturen willkommen heißen und dennoch erwarten, dass am Ende alle so werden wie die bisherige Mehrheit. Burkhardts Buch lädt zu einem anspruchsvolleren Weg ein. Nicht nur die Hinzukommenden finden einen Platz im bestehenden Haus. Sondern alle Beteiligten gestalten gemeinsam neu, wie dieses Haus bewohnt wird.
Vielleicht beginnt diese Veränderung mit einem neuen Leitungsteam, einer anderen Sprache im Gottesdienst oder einer gerechteren Verteilung von Ressourcen. Vielleicht beginnt sie auch mit einem einzigen ehrlichen Hinweis, wie in der Abendmahlsszene. Entscheidend ist, ob eine Gemeinde bereit ist, ihn nicht nur freundlich anzuhören, sondern daraus Konsequenzen zu ziehen.
Transparenzhinweis: Das Buch ist als Band 10 der Edition TSC IGW im Neufeld Verlag erschienen. Das Geleitwort stammt von Philipp Wenk. Diese Rezension wurde von der IGW Redaktion verfasst und verbindet eine Würdigung des Buches mit einer kritischen Einordnung.
Zum Buch
Friedemann Burkhardt: Zusammen leben in Gottes Haus. Gemeinde interkulturell gestalten. Edition TSC IGW, Band 10. Neufeld Verlag, 2025. 280 Seiten. ISBN 978-3-86256-198-8.
Vielfalt theologisch verstehen und verantwortlich gestalten
Im dualen Theologiestudium bei IGW werden biblische und theologische Grundlagen mit konkreter Gemeindepraxis verbunden. Studenten und Studentinnen lernen, kulturelle Prägungen wahrzunehmen, Leitungsfragen zu reflektieren und Veränderungsprozesse in ihrem eigenen Kontext verantwortlich zu gestalten.
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