Wenn Bibeltreue auf historische Kritik trifft

Was Matthias Wenks wissenschaftlicher Weg uns über Vertrauen, Fragen und die menschliche Gestalt der Bibel lehrt


REDAKTIONELLER HINWEIS

Dieser Artikel nimmt Matthias Wenks wissenschaftlichen Beitrag zum Ausgangspunkt und reflektiert seine zentralen Anliegen aus der theologischen Perspektive von IGW. Er ist keine Zusammenfassung des Aufsatzes, sondern eine redaktionelle Würdigung mit eigenen Akzenten und Rückfragen.

Im Artikel „Eine klare Homebase. Ein weiter Horizont.“ haben wir beschrieben, wie IGW theologisch arbeitet. Wir vertrauen der Bibel als Gottes Wort und nehmen zugleich wissenschaftliche Fragen ernst. Doch was bedeutet das konkret, wenn wir einer Methode begegnen, die im evangelikalen Umfeld besonders umstritten ist?

Matthias Wenks wissenschaftlicher Aufsatz führt mitten in diese Spannung. Er beschreibt, warum gerade die historisch kritische Methode sein Vertrauen in die Bibel vertieft hat. Das fordert heraus. Denn viele Christinnen und Christen verbinden diese Methode mit einer Theologie, die Wunder infrage stellt, biblische Aussagen relativiert und Gottes Reden auf menschliche Religionsgeschichte reduziert.

Wie kann Wenk dieselbe Methode als Hilfe zum Hören auf Gottes Wort verstehen? Und wo kann IGW seinem Anliegen folgen, während zugleich Rückfragen offenbleiben?

Eine Frage, die bleiben durfte

Mit zwölf Jahren fielen Matthias Wenk Spannungen in der zeitlichen und erzählerischen Verbindung von 1. Samuel 16 und 17 auf. Er glaubte an die Bibel als Gottes Wort. Gerade deshalb nahm er genau wahr, was im Text stand. Doch in seiner damaligen Gemeinde fand er kaum einen Ort, an dem solche Fragen offen besprochen werden konnten.

Später kam seine Familie in eine Pfingstgemeinde. Der Pastor verfügte über keine formale theologische Ausbildung, liess sich von Wenks Fragen aber nicht erschrecken. Wenn er keine Antwort wusste, gab er es zu. Diese Ehrlichkeit stärkte Wenks Vertrauen in den Pastor und in die Bibel.

Die Erfahrung wurde für seinen weiteren Weg prägend. Im Theologiestudium begegnete er Lehrern, die ihn in klassische exegetische Methoden einführten. Er lernte, kritische Fragen zu stellen und zugleich aufmerksam auf den Text zu hören. Für ihn entstand daraus kein Gegensatz zwischen akademischer Arbeit und Gemeindeleben. Im Gegenteil. Er beobachtete, dass gute Exegeten häufig auch gute Seelsorger sind. Sie haben gelernt zuzuhören, bevor sie Fragen stellen oder Antworten geben.

Wenks Geschichte enthält damit bereits eine wichtige Einsicht. Vertrauen wird nicht nur durch richtige Antworten gestärkt. Es wächst auch dort, wo Fragen ausgesprochen werden dürfen und niemand geistliche Gewissheit vortäuschen muss.

Warum Wenk die historisch kritische Methode
nicht aufgeben will

Im Verlauf seines wissenschaftlichen Weges lernte Wenk zahlreiche Zugänge zur Bibel kennen. Dazu gehören erzählerische, sozialwissenschaftliche, psychologische und sprachwissenschaftliche Methoden. Hinzu kamen jüdische Auslegungstraditionen und pfingstliche hermeneutische Ansätze.

Manche pfingstliche Theologen betrachteten solche neueren Zugänge als willkommenen Ersatz für die historisch kritische Methode. Wenk widerspricht ausdrücklich. Für ihn sind sie notwendige Ergänzungen, aber kein Ersatz. Gerade die historisch kritische Methode habe ihn gelehrt, die menschliche Seite des geschriebenen Wortes Gottes ernst zu nehmen.

Sie fragt nach der Entstehungszeit eines Textes, nach seiner literarischen Form, nach Überlieferungsprozessen und nach der Entwicklung theologischer Gedanken. Sie untersucht, wie altorientalische Mythen, ägyptische Weisheit, jüdische Texte und die griechisch römische Welt die Sprache der Bibel berühren. Dadurch wurden die biblischen Texte für Wenk konkreter. Sie erschienen ihm weniger als zeitlose Sätze, die unabhängig von Geschichte und Kultur im Raum stehen.

Das bedeutet für ihn keine Abwertung der Bibel. Es hilft ihm vielmehr zu verstehen, wie Gott durch konkrete Menschen in konkreten Zeiten gesprochen hat.

Gottes Wort erreicht uns in menschlicher Sprache

Wenk beschreibt Gottes Handeln als einen doppelten oder inkarnatorischen Weg. Gottes Wort erreicht uns nicht wie eine unvermittelte Mitteilung aus dem Himmel. Es begegnet uns durch Menschen, ihre Sprache, ihre Geschichte und ihre kulturelle Welt. Viele biblische Texte haben zudem einen längeren Weg durchlaufen, bevor sie ihre kanonische Gestalt erhielten.

Wenk zieht dabei eine weitreichende Analogie. So wie Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, besitzt für ihn auch das geschriebene Wort Gottes eine vollständig menschliche und göttliche Seite. Die historisch kritische Methode bewahrt ihn davor, die menschliche Seite zwar zu bekennen, sie bei der Auslegung aber kaum zu berücksichtigen.

Wir teilen das Anliegen, Gottes Reden und die menschliche Gestalt der Bibel nicht gegeneinander auszuspielen. Die Analogie zu Jesus Christus braucht allerdings Sorgfalt. Die Bibel ist nicht im selben Sinn göttlich und menschlich wie Jesus Christus. Dennoch macht Wenk auf etwas Wesentliches aufmerksam. Gott spricht nicht an menschlicher Geschichte vorbei. Wer Sprache, Gattung, Entstehung und kulturellen Kontext untersucht, muss damit die Inspiration der Bibel nicht preisgeben.

Gerade hier liegt die Stärke seines Beitrags. Er verteidigt wissenschaftliche Arbeit nicht aus Distanz zur Bibel, sondern aus dem Wunsch, genauer auf die Weise zu achten, in der Gott durch sie spricht.

Wo IGW weiterfragt

Wenks Würdigung der historisch kritischen Methode verdient es, ernst genommen zu werden. Zugleich bleibt eine Frage, die sein Aufsatz nur am Rand berührt. Wissenschaftliche Methoden untersuchen nicht nur Texte. Sie bringen auch eigene Voraussetzungen darüber mit, was als Wirklichkeit gelten kann.

Historische Forschung ist unverzichtbar, wenn wir die geschichtliche Gestalt der Bibel verstehen wollen. Problematisch wird ein Zugang dort, wo er bereits vor der Untersuchung festlegt, dass Offenbarung, Wunder, Prophetie oder Auferstehung nicht als reales Handeln Gottes in Betracht kommen können. Dann liegt keine neutrale wissenschaftliche Feststellung vor, sondern eine weltanschauliche Entscheidung.

Damit ist nicht gesagt, dass jede historisch kritische Untersuchung Gottes Handeln ausschliesst. Auch wird Wenks eigener Zugang damit nicht als naturalistisch eingeordnet. Er spricht ausdrücklich vom geschriebenen Wort Gottes, vom göttlichen Autor und vom Wirken des Geistes. Unsere Rückfrage richtet sich deshalb nicht an Wenk selbst, sondern an jede Methode, die ihre eigene Reichweite nicht mehr kritisch prüft.

Eine Methode kann erklären, wie ein Text entstanden ist, welche Traditionen er aufnimmt und welche gesellschaftlichen Interessen er erkennen lässt. Ob Gott durch diesen Text redet und handelt, lässt sich damit weder beweisen noch widerlegen. Wissenschaftliche Redlichkeit verlangt deshalb nicht nur Kritik am biblischen Text und an kirchlichen Auslegungen. Sie verlangt ebenso die Prüfung der eigenen methodischen Voraussetzungen.

Auch Bibeltreue muss sich prüfen lassen

Diese Rückfrage darf nicht zu einer bequemen Abwehr wissenschaftlicher Ergebnisse werden. Auch evangelikale und pfingstliche Ausleger lesen die Bibel nicht voraussetzungslos. Wir bringen Bekenntnisse, Gemeindetraditionen, Erfahrungen und vertraute Antworten mit.

Wenk kritisiert mit Recht eine Haltung, die schwierige Fragen vorschnell als Angriff auf die Bibel oder gar auf Gott selbst behandelt. Auch bibeltreue Auslegung kann Spannungen zu schnell harmonisieren, kulturelle Prägungen für zeitlose Gebote halten oder die eigene Position mit Gottes Autorität absichern.

Eine Hermeneutik des Vertrauens bedeutet deshalb nicht, dass unsere bisherigen Antworten geschützt werden müssen. Wir vertrauen der Bibel gerade so weit, dass wir sie auch unsere eigenen Überzeugungen befragen lassen. Nicht jede akademische Kritik ist berechtigt. Aber auch nicht jede Verteidigung einer traditionellen Position ist bereits Bibeltreue.

Vom Echoraum zum Resonanzraum

Wenk beschreibt Bibelwissenschaft als Resonanzraum. Ein Echoraum im Vergleich dazu gibt uns nur zurück, was wir selbst hineingerufen haben. Resonanz hingegen entsteht, wenn unterschiedliche Stimmen einander begegnen und etwas hörbar machen, das keine Stimme allein schaffen kann.

Darum hört Wenk auf historische Forschung, jüdische Ausleger, andere kirchliche Traditionen, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse und pfingstliche Erfahrungen. Seine eigene kirchliche Herkunft bleibt dabei wichtig. Sie soll jedoch nicht zur Abgrenzung dienen. Wenk fragt sogar, wie viel Aufmerksamkeit eine ausdrücklich pfingstliche Sondermethode erhalten sollte. Seine Identität ist für ihn weniger ein System, das verteidigt werden muss, als eine Verantwortung, mit der er am grösseren theologischen Gespräch teilnimmt.

Hier fordert sein Beitrag auch IGW heraus. Eine klare Homebase darf nicht bedeuten, dass andere Stimmen nur so lange willkommen sind, wie sie bestätigen, was wir bereits wissen. Ein weiter Horizont beginnt dort, wo eine fremde Perspektive uns nicht nur dazu bringt, die eigene Position genauer zu begründen oder weiterzuentwickeln. In manchen Fällen entwickeln sich auch die zugrundeliegenden Fragen, auf die wir mit unserer Position eine Antwort zu geben suchen.

Resonanz bedeutet dennoch nicht, dass alle Stimmen gleichermassen überzeugen. Wir hören, prüfen und unterscheiden. Dabei bleibt die Bibel die normative Grundlage, Jesus Christus ihre Mitte und der Heilige Geist derjenige, auf dessen Führung wir im gemeinsamen Hören vertrauen.

Eine konkrete Probe für unsere theologische Arbeitsweise

Matthias Wenks Aufsatz liefert keine einfache Versöhnungsformel zwischen Bibeltreue und historischer Kritik. Gerade darin liegt sein Wert. Er zwingt uns, genauer zu unterscheiden.

Wir können die menschliche Entstehung der Bibel ernst nehmen, ohne ihr göttliches Gegenüber aufzugeben. Wir können wissenschaftliche Methoden würdigen, ohne ihre Voraussetzungen für neutral zu erklären. Und wir können an klaren theologischen Überzeugungen festhalten, ohne unsere eigene Auslegung mit der Wahrheit Gottes gleichzusetzen.

Der im Homebase Artikel beschriebene weite Horizont zeigt sich nicht darin, dass wir andere Positionen lediglich erwähnen. Er zeigt sich darin, dass wir uns ihnen wirklich aussetzen. Wenks Verteidigung der historisch kritischen Methode ist dafür eine konkrete Probe. Wir müssen ihr nicht in jeder Folgerung zustimmen. Aber wir sollten ihre Fragen so ernst nehmen, dass unsere eigene Position danach genauer, demütiger und tragfähiger wird.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben theologischer Bildung. Sie bewahrt uns weder vor schwierigen Fragen noch liefert sie für alles eine schnelle Antwort. Sie schafft Räume, in denen Vertrauen und Kritik einander nicht ausschliessen und in denen wir gemeinsam genauer auf Gottes Wort hören lernen.

 

Matthias Wenk, „God’s Word and Human Language: A Theological Reflection on a Personal Journey with the Word of God and the People of God“, Journal of Pentecostal and Charismatic Christianity (2026), englisches Original.

Die TSC-IGW Academy ist das gemeinsame Weiterbildungsprogramm von TSC und IGW für Menschen in Gemeinde, Gesellschaft und Beruf – mit praxisorientierten Kursen für geistliches Wachstum, persönliche Reife und Führungskompetenz.